Rassendiagnose: Zigeuner. Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung
Die Wanderausstellung "Rassendiagnose: Zigeuner. Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung" des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma sollte am 2. April 2020 im Zentrum für Erinnerungskultur, Menschenrechte und Demokratie (ZfE) eröffnet werden – die Eröffnung musste pandemiebedingt entfallen, die Ausstellung wurde dennoch fertig aufgebaut und im Laufe des Jahres nachgeholt.
Das ZfE ergänzte die Wanderausstellung um einen lokalgeschichtlichen Teil zur Verfolgung der Duisburger Sinti. Dr. Andreas Pilger, Stadtarchivar und Projektleiter des ZfE, ordnete den Bezug zur Gegenwart ein:
"In Duisburg leben viele Nachfahren von Verfolgten; sowohl alteingesessene Duisburger Sinti, als auch Roma aus Osteuropa, die im Zuge des Jugoslawienkriegs oder mit der EU-Osterweiterung nach Duisburg kamen. Diese Menschen sind heute für uns wichtige Gesprächspartner, weil sie von der Verfolgung ihrer Eltern und Großeltern berichten können. [...] Die Ausstellung will [...] Vorurteilen durch historische Aufklärung entgegentreten und damit gleichzeitig eine Mahnung gegen diskriminierendes Denken, Sprechen und Handeln formulieren."
Die Geschichte hinter dem Titelfoto
Das Titelmotiv der lokalgeschichtlichen Ergänzung zeigt die Duisburger Sintiza Christine Lehmann (*1920) mit ihren beiden Söhnen Egon (*1939) und Robert (*1942). Christine schickte das Foto als Postkarte an eine Freundin, vermutlich anlässlich Roberts Geburt bei ihrer Schwägerin im Exil in Luxemburg. Auf der Rückseite schrieb sie den Vers: "Rosen, Tulpen und Nelken alle 3 verwelken nur das eine nicht und sie heißt Vergißmeinnicht".
Im Juli 1943 organisierte die Duisburger Kriminalpolizei Christines Deportation nach Auschwitz. Ihre Söhne blieben zunächst bei der Familie ihres Ehemanns – bis der Duisburger Kriminalbeamte Wilhelm Helten, der besonders aktiv an der Verfolgung der Duisburger Sinti beteiligt war, sie am 7. März 1944 persönlich nach Auschwitz begleitete. Robert wurde im Juni 1944 ermordet, Egons Schicksal ist ungeklärt; Christines Tod ist für den 28. März 1944 vermerkt.
Christines Bruder Franz Lehmann war zur selben Zeit in einem Außenlager von Auschwitz gefangen. Er überlebte und kehrte nach Duisburg zurück. 2019 besuchte sein Enkel, Mario Reinhardt – heute 1. Vorsitzender des Duisburger Sinti Verein e.V. –, eine Veranstaltung des ZfE zum Welt-Roma-Tag und übergab dem Zentrum dieses und zahlreiche weitere private Familienfotos für die Ausstellung.
Quelle der Fotos: Mario Reinhardt / Zentrum für Erinnerungskultur Duisburg
Die begleitende Broschüre "Die Verfolgung der Duisburger Sinti in der NS-Zeit" mit weiteren Kurzbiografien steht zum Download bereit.
Fotogalerie